Warum Angst und Weltuntergangsdenken nicht weiterhelfen
Der deutsche Philosoph Markus Gabriel legt in seinem neuen Buch einen Kompass für das KI-Zeitalter vor. Er zeigt, wie Europa im Tech-Rennen bestehen kann – offenbart allerdings bei der harten Währung der Datenökonomie eine Schwachstelle.
Es war Angela Merkel, die einst den Begriff des «postfaktischen Zeitalters» prägte. Oft wird diese Epoche als eine der gesellschaftlichen Verdummung missverstanden. Das greift für den deutschen Philosophen Markus Gabriel zu kurz. In seinem Buch «Ethische Intelligenz» beschreibt er das Postfaktische schlicht als die konsequente Logik des Digitalen. Barack Obama verstand es, in seinem Präsidentschaftswahlkampf die Logik der digitalen Märkte als Erster für seine Politik zu nutzen; Donald Trump hat dies inzwischen perfektioniert.
Vom Algorithmus zur Emotion
Heute, in der Ära der künstlichen Intelligenz, sind wir einen entscheidenden Schritt weiter. Die KI-Systeme der Gegenwart registrieren unsere Emotionen nicht nur, sie messen sie, analysieren sie und steuern sie. Wir haben die reflexive Gesellschaft hinter uns gelassen und sind in einer affektiven Gesellschaft angekommen. Die Maschine sieht nicht mehr nur, was wir tun. Sie fühlt es auch. Oder tut zumindest so.
Gerade hier, so zeigt das Buch eindrücklich, lauert aber auch eine neue Gefahr: Weil die Maschine zunehmend meisterhaft lernt, zwischen den Zeilen zu lesen, hat sie das Potenzial, zum ultimativen Manipulator zu werden.
Markus Gabriel skizziert eine Welt, in der Maschinen alles Rechenbare besser können. Was bleibt denn dann noch für den Menschen übrig?, müssen sich derzeit nicht nur Tech-Konzerne, sondern alle fragen, ob Unternehmen, Regierungen oder Individuen.
Schlechte Science-Fiction aus dem Silicon Valley
Gabriel wehrt sich in seiner Antwort vehement gegen den quasireligiösen Kult um eine heraufziehende Superintelligenz (AGI). Wenn Tech-Milliardäre wie Elon Musk oder Sam Altman, aber auch Vordenker wie Yuval Noah Harari oder der Futurologe Ray Kurzweil vor dem Ende der Menschheit durch KI warnen, entlarvt Gabriel dies als schlechte Science-Fiction.
Er tut das, indem er eine faszinierende politische Gegenperspektive entwickelt. Eine, die insbesondere für Europa hochrelevant ist. Sein zentraler Befund fordert einen Paradigmenwechsel: Die Debatte darf nicht länger «Ethik gegen KI» lauten, sondern muss «Ethik durch KI» heißen. Es geht nicht darum, diese neue Technologie ängstlich durch Regulierung in Fesseln zu legen. Vielmehr müssten wir lernen, wie wir am besten mit ihr leben. Wir müssen ethische Planken mit ihr entwickeln, nicht gegen sie.
Eine Beziehung auf Basis einer Blackbox
Künstliche Intelligenz, so der Autor, ist nicht nur ein Spiegel unser selbst. Sie wird heute zunehmend auch zu einem Akteur. In dieser neuen, emotionalen Epoche der Technik ergeben all unsere Klicks, Emojis und hastig getippten Texte eine neue, «distribuierte Subjektivität». Große Sprachmodelle (LLM) sind im klassischen Sinne gar nicht mehr steuerbar, weil sie von innen heraus durch uns alle geformt werden. Wenn wir heute prompten, nutzen wir kein Werkzeug mehr, wir unterhalten uns de facto mit der gesamten Menschheit. Aus der reinen «Nutzung» von Software ist ein Zusammenleben geworden.
Besonders stark ist das Buch in jenen Passagen, in denen es die paradoxe Natur dieses neuen Zusammenlebens auf den Punkt bringt: Es ist eine Beziehung auf Basis einer gegenseitigen Blackbox. Die Maschine weiß letztlich nicht, wie wir Menschen intuitiv zu unseren Schlüssen kommen. Und umgekehrt verstehen wir im Grunde ebenso wenig, wie das neuronale Netz im Verborgenen seine Antworten generiert.
Gabriel teilt die KI-Ethik in drei historische Phasen ein: Kontrolle, Zähmung und schließlich Kooperation. Die KI wird zu einem Partner in der moralischen Selbstorganisation der Gesellschaft. «Ethische Intelligenz» bedeutet in diesem Kontext kulturelle Souveränität. Der Fokus liegt nicht auf Abgrenzung, sondern auf Resonanz; nicht auf starrer Kontrolle, sondern auf Beziehung. Das Buch liest sich in seinen besten Passagen wie eine handfeste Anleitung, wie Europa im globalen KI-Rennen bestehen kann: indem es genau diese ethische Intelligenz als Standortvorteil begreift und Brücken baut, nach Afrika, Asien und Lateinamerika. KI wird hier nicht als simple Rechenmaschine für das Gute verstanden, sondern als eine neue «Infrastruktur der Wahrnehmung».
Die harte Währung der Datenökonomie
So bestechend und dringend diese Analyse ist, sie hat einen blinden Fleck. Die große Schwachstelle des Buches liegt in seiner datenpolitischen Lücke. Gabriel setzt sich zu wenig damit auseinander, wie immens wertvoll der Schutz der eigenen Daten in dieser KI-Revolution tatsächlich ist. Wer die Emotionen der Massen berechnet, zwischen den Zeilen liest und so zur Manipulation fähig wird, besitzt das wichtigste Kapital unserer Zeit. Dass der rigorose Schutz dieser individuellen Datenressourcen eine fundamentale Voraussetzung für die von Gabriel geforderte ethische Souveränität ist, kommt schlichtweg zu kurz.
Trotz diesem Manko empfiehlt sich die Lektüre. Das Buch schmälert die Angst vor der großen Substitution, indem es in Erinnerung ruft: Rechenleistung ist nicht gleich Bewusstsein. Die KI besitzt keinen Geist und kein echtes Verständnis von Bedeutung; sie simuliert dies lediglich durch brillante statistische Mustererkennung. Genau wegen dieser radikalen Grenze wird die Maschine gemäß Gabriel nicht menschlich, indem sie uns ersetzt; sie wird vielmehr zu einem Instrument, das es uns ermöglicht, selbst menschlicher zu werden: genauer in unserer Wahrnehmung, tiefer in unserer Verständigung und weiter im Verbinden.


